Wang Gongyi

Interview with Hans Ulrich Obrist

Kolumne Hans Ulrich Obrist, Das Magazin

 

Wie porträtiert man einen See?

Die chinesische Malerin Wang Gongyi und ihre Liebe zu Winsor Blue.

 

«De-Linking» nennen es viele in meinem Umfeld, wenn sie sich von ihren internetfähigen Geräten trennen, um für eine Weile allein mit sich und der guten alten analogen Welt zu sein. Auch ich habe mir angewöhnt, das Smartphone für ein, zwei Stunden am Tag aus der Hand zu legen, und kann das nur allen zur Nachahmung empfehlen, denn ohne mein portables Gefängnis fühle ich mich befreit. Die meisten Künstlerinnen, die ich kenne, pflegen ein ähnliches Befreiungsritual, doch wenige mit einer solchen Konsequenz wie die 1946 geborene chinesische Künstlerin Wang Gongyi.

 

Seit zwanzig Jahren lebt sie in Portland, Oregon, wo ich sie per Zoom in ihrem Atelier besuchen wollte. Das hat leider nicht geklappt, da sie ihre Arbeitsräume hermetisch vor den Zudringlichkeiten des Internets abgeriegelt hat. Wie es in dem Studio aussieht, erzählte sie mir daher von ihrem Wohnzimmer aus, das ein Stockwerk darüber liegt und Wi-Fi hat. Ihrer Beschreibung nach sind die Wände unten dicht behängt, fast schon tapeziert mit zarten, blaugrauen Landschaften, allesamt jüngere Werke, die nach einem Ausflug an einen See in der Nähe von San Francisco entstanden seien. Wie porträtiert man eine Stadt, fragte einst Oskar Kokoschka. Wang Gongyi fragte ich nun: Wie porträtiert man einen See?

 

Dass sie sich für Landschaften interessiert, ist relativ neu. Als sie noch in China lebte, war sie eine urbane Künstlerin, und ihr Thema waren nicht Seen, sondern die soziale Frage. In den Siebzigerjahren schuf sie eine Serie von Zeichnungen, in denen ihre Wut auf soziale Missstände zum Ausdruck kam, begleitet von Forderungen nach Reformen. Erstaunlicherweise hatte sie mit diesen Arbeiten enormen Erfolg, bis in die Spitzen der Politik: Heute hängen viele ihrer Werke in den grossen Kunstmuseen Chinas und sogar im Nationalen Volkskongress. Mit Gongyis Übersiedlung in die USA und der Nähe zu der berückenden Natur der Westküste ist ihr Furor der Faszination für das Stille gewichen. Inspiriert von der traditionellen chinesischen Landschaftskunst malt sie Wälder und Gräser, Seen und den Himmel über dem Pazifik. Ihre dominante Farbe ist ein wässriges Blaugrau, das Winsor Blue.

 

Ihre Haltung sei nicht die einer Porträtistin, sagt sie. Sie male keine Objekte, kein stummes Gegenüber, sondern sie male in und mit und als Teil der Natur, in der wir aufgehen, die uns beruhigt, befreit und in die wir uns versenken – wie in ihre Bilder.

 

Hans Ulrich Obrist ist künstlerischer Direktor der Serpentine Galleries in London.

Publiziert: 18.11.2021, 11:00

https://www.bernerzeitung.ch/wie-portraetiert-man-einen-see-307128846314?idp=CeleraOne&new_user=yes

November 24, 2021
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